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Ein Zettelkasten

Autor: delicious (Seite 1 von 11)

[Filmnotiz] Inception

In der für mich eindrucksvollsten Sequenz in ‚Inception‘ von Christopher Nolan tauchen keine der vielgerühmten Special Effects auf.

Der Protagonist Dominic Cobb (Leonardo di Caprio) will die Traumarchitektin Ariadne (Ellen Page) anheuern. Beide befinden sich auf einem Hausdach in Paris, wo Cobb mit der Architektin eine Art „Einstellungstest“ durchführt.
Schnitt.
Sprung in eine andere Handlungsebene, die hier jetzt keine Rolle spielen soll.
Schnitt.
Cobb sitzt mit Ariadne in einem typischen Pariser Straßencaf. Sie unterhalten sich über die Architektur von Träumen und die Perfektion einer Traumarchitektur. Ariadne bezweifelt die Möglichkeit einer perfekten Traumillusion. Cobb stellt ihr im Gegenzug die Frage, wie sie an den Ort gekommen ist, an dem sie sich gerade befinden. Ariadne ist irritiert, weil sie bemerkt, sich tatsächlich nicht erinnern zu können, wie sie in dieses Straßencaf gelangt ist. Sie folgert korrekt, dass sich beide gerade in einem Traum befinden. Das gesamte Setting beginnt zu explodieren… (OK, jetzt: Special Effects galore!)
Auf der Erzählebene wird sich das Paradigma von Träumen zu nutze gemacht, sofort in die „Handlung“ zu springen, dass es keinen Beginn eines Traumes gibt.

Nolan gelingt mit dieser Montage eine enorme Irritation des Zuschauers, die aber nur deshalb gelingt, weil er die sozialisierten Filmgewohnheiten der Zuschauer untergräbt. Der Szenenwechsel in der ersten Handlungsebene ist für den Zuschauer ein völlig gewohntes Stilmittel des elliptischen Erzählens. Die Auslassung, wie Ariadne und Cobb vom Hausdach in das Straßencaf gelangt sind, ist für den Zuschauer irrelevant. Wir sind filmisch soweit geschult, dass wir diese Auslassung hinnehmen.
Die Irritation des Zuschauers entsteht nicht durch die Auslassung, sondern durch die Irritation Ariadnes über diese Auslassung.
Somit gelingt Nolan ein kleiner Exkurs über die Magie der Filmmontage. Wird die Aufmerksamkeit, Überraschung und Irritation des Zuschauers in der Regel mit einer Inszenierung erreicht, die den filmischen Erfahrungshorizont übersteigt (so auch generell in ‚Inception‘), gelingt Nolan mit der beschrieben Sequenz eine Irritation durch Untergrabung der gewohnten Sehgewohnheiten.

Nach einmaliger Sichtung des Films sind mir keine weiteren Beispiele für solch eine subtile Untergrabung der Sehgewohnheiten präsent. In der Regel bollert der Film eher mit Ausweitung der Sehgewohnheiten (besagte, viel beschriebene Special Effects). Gerade die Kameraarbeit erscheint mir aber eher konventionell: In der zweiten Hälfte des Filmes, wenn mehrere Handlungsebenen montiert werden, in denen die Zeit unterschiedlich schnell verläuft (!), hätte man sich sicher innovativere Formen der Darstellung überlegen können, als die Super-Zeitlupe, in der „langsamsten“ Zeitebene.
Dennoch zeigt die beschrieben Sequenz, dass Nolan auch nach ‚Memento‘ noch immer der große, kluge Zerstörer von Sehgewohnheiten durch unzuverlässiges Erzählen ist.

Hier gibt es eine Sammlung filmwissenschaftlicher Studien zu Nolan.

Was ist ein Blog? (II)

Gedankennotiz zu Robert Basics lesenswerten Artikel über die Evolution des Bloggens in Zeiten der zunehmenden Publikationsfragmentierung.

Blogs sind kein Medium, Blogs sind auch keine technischen Einheiten.

Blogs verkörpern eine Geisteshaltung: Die Bereitschaft des Autors miteinander kommunizieren zu wollen, die Bereitschaft sich verbessern zu lassen, die Bereitschaft ergänzt und korrigiert zu werden, die Bereitschaft, sich mit Kritik auseinander zu setzen.

Erst dann lassen sich erweiterte Social Media Phänomene einbinden und erst dann ist auch völlig egal, was ein Blog ist und ob es diesen Begriff in 10 Jahren noch geben wird.

Und erst dann hat Heribert Prantl recht:

„Es wird so getan, als sei die Bloggerei eine Seuche, die via Internet übertragen wird und den professionellen Journalismus auffrisst. Das ist, mit Verlaub, Unfug. In jedem professionellen Journalisten steckt ein Blogger. Der Blog des professionellen Journalisten heißt FAZ oder SZ, Schweriner Volkszeitung oder Passauer Neue Presse, Deutschlandfunk oder Südwestradio.“ [Süddeutsche Zeitung vom 19.07.2010]

Leider vorerst gr0ßteils nur in der Theorie.

vdL for president?

Es reicht nicht, durch Kindergärten zu ziehen und Vergewaltigungen von Kindern schlecht zu finden. Das tut jeder, er tourt damit bloß nicht durch die Republik, weil es selbstverständlich ist und den politischen Aussagegehalt hat von Facebookgruppen, die sich gegen AIDS, Krieg und Umweltverschmutzung richten. Dass sie ihren politischen Gegnern implizit unterstellt hat, Kinderpornographie gutzuheißen, zeugt hingegen von einer Skrupellosigkeit, die selten zu finden ist.

weiterlesen bei Malte Welding.

Walled Garden Vs. Freie Technologie: Facebook Vs. RSS

Was mich am meisten ärgert ist gar nicht das Dauerthema Privacy. Viel schlimmer: Facebook ist meiner Beobachtung nach gerade dabei, RSS zu beerdigen. Selbst Websites, die es bis heute nicht für nötig empfinden einen Feed anzubieten, syndizieren Aktualisierungen ihrer Websites zunehmend via Facebook.

Aus Sicht der Anwender nur nachvollziehbar, ist es doch der RSS-Technologie nie so wirklich gelungen, die breiten Massen zu erreichen. Und so wird eben Facebook zum News-Syndikator, der mit einem einzigen Klick auf „Like“ die oberflächlichen Vorzüge von RSS in den privaten FB-Stream einbaut. Die Problematik des „Walled Garden“ ist Otto Normaluser dabei reichlich wurst und so erntet Facebook nun die Früchte einer knapp 10 Jahre alten Technologie, die scheinbar kein Anbieter (nicht mal Google) in der Lage war, auf eine Dieter-Kevin-Birgit-Usability runterzubrechen.

Erinnert mich an AOL und Compuserve

Was ist ein Blog?

annalist fällt bei den sehenswerten dctp-Interviews von Philip Banse mit vier populären, deutschen Bloggern auf, wie männerlastig die A-List (tschuldigung) der deutschen Blogs ist. Ihre klugen Überlegungen, warum Frauen in meinungsführenden Blogs so sehr unterrepräsentiert sind, lass ich mal außen vor; mich interessieren zwei andere Aspekte:

Wie also bemisst sich, was ein bekanntes Blog, wer ein bedeutender Blogger ist? Das ist nicht eindeutig wissenschaftlich zu belegen. Es gibt verschiedenste Web-Projekte, die mit mehr oder weniger nachvollziehbaren Methoden versuchen, Blog-Rankings zu erstellen. Im deutschsprachigen Raum sind das bspw. die deutschen Blogcharts, die Rivva-Leitmedien (wobei hier dezidiert auch Nicht-Blogs eine Rolle spielen), und häufig wechselnde Bewertungsautomatismen wie lange Zeit Technorati, inzwischen Blogoscoop, Wikio, Lesercharts, etc. etc.

Mangels methodisch besseren Alternativen wird sich seit Jahren auf die Systematik dieser Anbieter veranlassen, die (meines Wissens allesamt) den Verlinkungsgrad von Blogs als alleiniges Relevanzmerkmal messen. Auch professionelle Monitoring-Dienste verlassen sich darauf.

Erstes Problem: Was ist mit dem Long Tail?

Sämtliche Jubelarien über die Medienmacht von Blogs beinhalten das Argument, dass aufgrund der aufgelösten Vertriebskosten nun auch extremste Nischenthemen publiziert werden und ihre kleine Gruppe an interessierten Lesern erreichen können. Dieser Gruppe von Fachblogs wird durch obiges Messverfahren erst dann Bedeutung beigemessen, wenn ein Scoop gelandet wird und andere, „General Interest“-Blogs aufspringen.

Wie definiert sich also (und für wen?) Relevanz? Ist der Scoop eines Fachblogs relevant? Oder erst die einsetzenden Verlinkungen?

Zweites Problem: Twitter kills the weblog star.

In ihrer Frühphase wurden Blogs hauptsächlich als (Web-)Logbuch genutzt um interessante Fundstücke im Netz zu archivieren und weiterzugeben. Die Quellen wurden kommentiert und verlinkt (so in etwas wie in diesem Blog); durch die Trackback-Funktion entstanden Vernetzungen. Für diese puristische Herangehensweise von „Ins Internet schreiben“ gibt es heute andere, einfachere, bessere Wege, seien es Social Bookmarking-Dienste wie delicious.com, Social Networks wie Facebook, vor allem aber: Twitter.

Jens Schröder, der Ersteller der Deutschen Blog-Charts, attestiert:

Angesichts der Entwicklung der Verlinkungen in meinen deutschen blogcharts stellt sich mir aber schon seit langer Zeit die Frage, warum fast alle Blogs in den vergangenen Monaten so massiv Verlinkungen verloren haben – und warum mittlerweile 135 Links für Platz 100 ausreichen – und nicht mehr das Doppelte wie noch im Sommer 2007.

Nach einer Analyse der Daten kommt er zu dem Schluss:

Die Behauptung, Twitter würde Blogs als Medium für Linktipps ablösen, ist zwar etwas zu hart formuliert, doch die Zahl der Verlinkungen ist schon in einer erstaunlichen Höhe angekommen. Ob alle Links bei Twitter früher in Blogs gelandet wären, lässt sich natürlich nicht überprüfen, einer der Hauptgründe für den Niedergang der Verlinkungen in den deutschen blogcharts dürfte Twitter nach diesen Zahlen aber eindeutig sein.

Das alles hat auch sehr viel mit Google zu tun: Google misst die Relevanz von Websites generell (auch!) am Verlinkungsgrad. Werden in einem Blog also weniger Hyperlinks gesetzt, bzw. – noch wichtiger – werden auf ein Blog weniger Hyperlinks gesetzt, sinkt die Google-Authorität von Websites.

Daraus ein „Blogsterben“ abzuleiten, wäre natürlich großer Humbug. Einzig die „Währung“ der Blogosphäre muss zunehmend in Frage gestellt werden.

Das SEOmoz-Blog vermutet neben der zunehmenden Verwendung von Twitter für das „Raushauen“ einzelner Hyperlinks noch einen weiteren Grund:

Blogging has become less about sharing with your network and more about building up your own importance/business, so linking and covering the works of your peers, unless it gets you something, has limited viability. Bloggers are more professional, more self-focused and find less value in linking to/covering what others produce.

Das führt mich zurück zu meiner Ausgangsfrage und zu annalists Beitrag:

Komplizierter wird das ganze durch die ungeklärte Frage: Was ist ein Blog? Letzten Endes, praktisch betrachtet, eine Website mit einem Content Management System („Software zum Verwalten von Inhalten“), das erlaubt, ohne besonderes technisches Wissen chronologisch sortiert neue Inhalte zu veröffentlichen. Dann gibt es aber ein sehr spezielles Blogger-Ethos (vermutlich eher mehrere), das beinhaltet, dass ein Blog vor allem selbsterstellte Inhalte enthalten soll, viel zu anderen verlinkt, einigermaßen häufig aktualisiert wird, nicht kommerziell betrieben wird (wahlweise: auf jeden Fall Kommerzialität anstreben sollte), sich deutlich von ‚anderen Medien‘ (= klassische Medien, die sich mit dem ‚völlig anderen‘ Journalismus-Ethos identifizieren) abgrenzt. Hierzu gibt es mittlerweile Bücher.

Das die meisten dieser Attribute inzwischen geschenkt sind, macht die Autorin zwischen den Zeilen wohl selbst klar; deshalb nur kurz:

  • Auch Spiegel Online benuzt meines Wissens ein CMS
  • Zur chronologischen Sortierung komme ich gleich noch
  • Selbsterstelle Inhalte sollte ein professionelles traditionelles (gebt mir ein Synonym!) Onlinemedium in der Regel auch haben
  • Verlinkung: Siehe oben!
  • Einigermaßen häufige Aktualisierung: vgl. Spiegel Online…
  • Unkommerzieller Betrieb: Die Zeiten sind vorbei.

Lange Rede kurzer Sinn: Die Trennschärfe zwischen dem, was man mal Blog nannte und den Ablegern traditioneller Printmedien im Internet wird immer geringer.

Dies mag gar nicht mal die für die Produktion, also das „Handwerk“ des Journalismus gelten. Ich möchte trotz aller höchst berechtigten Kritik am Recherche- und Publikationsverhalten der traditionellen (Online-)Medien schon noch unterscheiden zwischen professionellem, erlernten Journalismus. Wir erleben aber eine Anpassung, die zu einer völligen Verwischung der Kriterien führt:

Erstens: Professionelle Medien nutzen Blogs als Publikationsmittel (Was sich vor allem im Long Tail anbietet, z.B. t3n News)

Zweitens: Professionelle Medien nutzen Blogs als individuelle „Spielwiese“ ihrer Autoren. Das ist nichts Neues; die meisten Versuche führten in der Vergangenheit mit Recht zu Hohn und Spott. Wir erleben hier aber meines Erachtens einen Paradigmenwechsel – als Beispiel seinen die teils hervorragenden Blogs der Süddeutschen Zeitung und der FAZ genannt.

Drittens: Blogger professionalisieren sich. Damit meine ich gar nicht das leidige Kommerzthema (das hier aber die ganze Zeit im Hintergrund mitschwingt)

1) Von „Oben“ nach „Unten“ (was nicht wertend gemeint ist): Zusammenschluss von Autorennetzwerken, deren Schreiber durchaus aus dem traditionellen Handwerk kommen (z.B. Carta). (Ein Kriterium für die Aufnahme in die Google News – Medienbasis ist, dass mehrere Autoren im Angebot publizieren.)

2) Von „Unten“ nach „Oben“: Hier kommt ein Punkt, der meines Erachtens völlig vernachlässigt wird: Der rapide, angestiegene Einsatz von „Magazine Themes„. Das sind Layoutvorlagen für das Weblog-CMS, die mit der traditionellen Weblog-Optik brechen und die publizierten Beiträgen nicht mehr in einer rückwärtschronologischen Ansicht anzeigen, sondern eben in einer „magazinigen“ Ansicht, die sehr viel mehr Flexibilität erlaubt, dadurch aber versteckt, dass es sich um ein Blog handelt.*

Am Ende muss deshalb die Frage stehenbleiben: Was ist ein Blog?

*Eine Fußnote zu diesem Punkt: Um die Relevanz von Blogs zu messen, werden in wissenschaftlichen Umfragen immer Zahlen genannt, wie viele Internet-Nutzer Blogs lesen. Die Zahl liegt dann immer bei etwa 1,3% (frei erfunden) und wurde ermittelt durch die Frage „Lesen Sie Weblogs?“

Diese Frage halte ich für grundverkehrt. Wieviele Leser landen über einen Link oder eine Suche in einem Weblog, ohne zu wissen, dass es sich bei der aufgerufenen Seite um ein Weblog handelt?

Linkdump for Fr, 20. November 2009 through Mo, 23. November 2009

These are my links for Fr, 20. November 2009 through Mo, 23. November 2009:

links for 2009-11-22

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links for 2009-11-20

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