In der für mich eindrucksvollsten Sequenz in ‚Inception‘ von Christopher Nolan tauchen keine der vielgerühmten Special Effects auf.

Der Protagonist Dominic Cobb (Leonardo di Caprio) will die Traumarchitektin Ariadne (Ellen Page) anheuern. Beide befinden sich auf einem Hausdach in Paris, wo Cobb mit der Architektin eine Art „Einstellungstest“ durchführt.
Schnitt.
Sprung in eine andere Handlungsebene, die hier jetzt keine Rolle spielen soll.
Schnitt.
Cobb sitzt mit Ariadne in einem typischen Pariser Straßencafé. Sie unterhalten sich über die Architektur von Träumen und die Perfektion einer Traumarchitektur. Ariadne bezweifelt die Möglichkeit einer perfekten Traumillusion. Cobb stellt ihr im Gegenzug die Frage, wie sie an den Ort gekommen ist, an dem sie sich gerade befinden. Ariadne ist irritiert, weil sie bemerkt, sich tatsächlich nicht erinnern zu können, wie sie in dieses Straßencafé gelangt ist. Sie folgert korrekt, dass sich beide gerade in einem Traum befinden. Das gesamte Setting beginnt zu explodieren… (OK, jetzt: Special Effects galore!)
Auf der Erzählebene wird sich das Paradigma von Träumen zu nutze gemacht, sofort in die „Handlung“ zu springen, dass es keinen Beginn eines Traumes gibt.

Nolan gelingt mit dieser Montage eine enorme Irritation des Zuschauers, die aber nur deshalb gelingt, weil er die sozialisierten Filmgewohnheiten der Zuschauer untergräbt. Der Szenenwechsel in der ersten Handlungsebene ist für den Zuschauer ein völlig gewohntes Stilmittel des elliptischen Erzählens. Die Auslassung, wie Ariadne und Cobb vom Hausdach in das Straßencafé gelangt sind, ist für den Zuschauer irrelevant. Wir sind filmisch soweit geschult, dass wir diese Auslassung hinnehmen.
Die Irritation des Zuschauers entsteht nicht durch die Auslassung, sondern durch die Irritation Ariadnes über diese Auslassung.
Somit gelingt Nolan ein kleiner Exkurs über die Magie der Filmmontage. Wird die Aufmerksamkeit, Überraschung und Irritation des Zuschauers in der Regel mit einer Inszenierung erreicht, die den filmischen Erfahrungshorizont übersteigt (so auch generell in ‚Inception‘), gelingt Nolan mit der beschrieben Sequenz eine Irritation durch Untergrabung der gewohnten Sehgewohnheiten.

Nach einmaliger Sichtung des Films sind mir keine weiteren Beispiele für solch eine subtile Untergrabung der Sehgewohnheiten präsent. In der Regel bollert der Film eher mit Ausweitung der Sehgewohnheiten (besagte, viel beschriebene Special Effects). Gerade die Kameraarbeit erscheint mir aber eher konventionell: In der zweiten Hälfte des Filmes, wenn mehrere Handlungsebenen montiert werden, in denen die Zeit unterschiedlich schnell verläuft (!), hätte man sich sicher innovativere Formen der Darstellung überlegen können, als die Super-Zeitlupe, in der „langsamsten“ Zeitebene.
Dennoch zeigt die beschrieben Sequenz, dass Nolan auch nach ‚Memento‘ noch immer der große, kluge Zerstörer von Sehgewohnheiten durch unzuverlässiges Erzählen ist.

Hier gibt es eine Sammlung filmwissenschaftlicher Studien zu Nolan.