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Ein Zettelkasten

Was ist ein Blog?

annalist fällt bei den sehenswerten dctp-Interviews von Philip Banse mit vier populären, deutschen Bloggern auf, wie männerlastig die A-List (tschuldigung) der deutschen Blogs ist. Ihre klugen Überlegungen, warum Frauen in meinungsführenden Blogs so sehr unterrepräsentiert sind, lass ich mal außen vor; mich interessieren zwei andere Aspekte:

Wie also bemisst sich, was ein bekanntes Blog, wer ein bedeutender Blogger ist? Das ist nicht eindeutig wissenschaftlich zu belegen. Es gibt verschiedenste Web-Projekte, die mit mehr oder weniger nachvollziehbaren Methoden versuchen, Blog-Rankings zu erstellen. Im deutschsprachigen Raum sind das bspw. die deutschen Blogcharts, die Rivva-Leitmedien (wobei hier dezidiert auch Nicht-Blogs eine Rolle spielen), und häufig wechselnde Bewertungsautomatismen wie lange Zeit Technorati, inzwischen Blogoscoop, Wikio, Lesercharts, etc. etc.

Mangels methodisch besseren Alternativen wird sich seit Jahren auf die Systematik dieser Anbieter veranlassen, die (meines Wissens allesamt) den Verlinkungsgrad von Blogs als alleiniges Relevanzmerkmal messen. Auch professionelle Monitoring-Dienste verlassen sich darauf.

Erstes Problem: Was ist mit dem Long Tail?

Sämtliche Jubelarien über die Medienmacht von Blogs beinhalten das Argument, dass aufgrund der aufgelösten Vertriebskosten nun auch extremste Nischenthemen publiziert werden und ihre kleine Gruppe an interessierten Lesern erreichen können. Dieser Gruppe von Fachblogs wird durch obiges Messverfahren erst dann Bedeutung beigemessen, wenn ein Scoop gelandet wird und andere, „General Interest“-Blogs aufspringen.

Wie definiert sich also (und für wen?) Relevanz?  Ist der Scoop eines Fachblogs relevant? Oder erst die einsetzenden Verlinkungen?

Zweites Problem: Twitter kills the weblog star.

In ihrer Frühphase wurden Blogs hauptsächlich als (Web-)Logbuch genutzt um interessante Fundstücke im Netz zu archivieren und weiterzugeben. Die Quellen wurden kommentiert und verlinkt (so in etwas wie in diesem Blog); durch die Trackback-Funktion entstanden Vernetzungen. Für diese puristische Herangehensweise von „Ins Internet schreiben“ gibt es heute andere, einfachere, bessere Wege, seien es Social Bookmarking-Dienste wie delicious.com, Social Networks wie Facebook, vor allem aber: Twitter.

Jens Schröder, der Ersteller der Deutschen Blog-Charts, attestiert:

Angesichts der Entwicklung der Verlinkungen in meinen deutschen blogcharts stellt sich mir aber schon seit langer Zeit die Frage, warum fast alle Blogs in den vergangenen Monaten so massiv Verlinkungen verloren haben – und warum mittlerweile 135 Links für Platz 100 ausreichen – und nicht mehr das Doppelte wie noch im Sommer 2007.

Nach einer Analyse der Daten kommt er zu dem Schluss:

Die Behauptung, Twitter würde Blogs als Medium für Linktipps ablösen, ist zwar etwas zu hart formuliert, doch die Zahl der Verlinkungen ist schon in einer erstaunlichen Höhe angekommen. Ob alle Links bei Twitter früher in Blogs gelandet wären, lässt sich natürlich nicht überprüfen, einer der Hauptgründe für den Niedergang der Verlinkungen in den deutschen blogcharts dürfte Twitter nach diesen Zahlen aber eindeutig sein.

Das alles hat auch sehr viel mit Google zu tun: Google misst die Relevanz von Websites generell (auch!) am Verlinkungsgrad. Werden in einem Blog also weniger Hyperlinks gesetzt, bzw. – noch wichtiger – werden auf ein Blog weniger Hyperlinks gesetzt, sinkt die Google-Authorität von Websites.

Daraus ein „Blogsterben“ abzuleiten, wäre natürlich großer Humbug. Einzig die „Währung“ der Blogosphäre muss zunehmend in Frage gestellt werden.

Das SEOmoz-Blog vermutet neben der zunehmenden Verwendung von Twitter für das „Raushauen“ einzelner Hyperlinks noch einen weiteren Grund:

Blogging has become less about sharing with your network and more about building up your own importance/business, so linking and covering the works of your peers, unless it gets you something, has limited viability. Bloggers are more professional, more self-focused and find less value in linking to/covering what others produce.

Das führt mich zurück zu meiner Ausgangsfrage und zu annalists Beitrag:

Komplizierter wird das ganze durch die ungeklärte Frage: Was ist ein Blog? Letzten Endes, praktisch betrachtet, eine Website mit einem Content Management System („Software zum Verwalten von Inhalten“), das erlaubt, ohne besonderes technisches Wissen chronologisch sortiert neue Inhalte zu veröffentlichen. Dann gibt es aber ein sehr spezielles Blogger-Ethos (vermutlich eher mehrere), das beinhaltet, dass ein Blog vor allem selbsterstellte Inhalte enthalten soll, viel zu anderen verlinkt, einigermaßen häufig aktualisiert wird, nicht kommerziell betrieben wird (wahlweise: auf jeden Fall Kommerzialität anstreben sollte), sich deutlich von ‚anderen Medien‘ (= klassische Medien, die sich mit dem ‚völlig anderen‘ Journalismus-Ethos identifizieren) abgrenzt. Hierzu gibt es mittlerweile Bücher.

Das die meisten dieser Attribute inzwischen geschenkt sind, macht die Autorin zwischen den Zeilen wohl selbst klar; deshalb nur kurz:

  • Auch Spiegel Online benuzt meines Wissens ein CMS
  • Zur chronologischen Sortierung komme ich gleich noch
  • Selbsterstelle Inhalte sollte ein professionelles traditionelles (gebt mir ein Synonym!) Onlinemedium in der Regel auch haben
  • Verlinkung: Siehe oben!
  • Einigermaßen häufige Aktualisierung: vgl. Spiegel Online…
  • Unkommerzieller Betrieb: Die Zeiten sind vorbei.

Lange Rede kurzer Sinn: Die Trennschärfe zwischen dem, was man mal Blog nannte und den Ablegern traditioneller Printmedien im Internet wird immer geringer.

Dies mag gar nicht mal die für die Produktion, also das „Handwerk“ des Journalismus gelten. Ich möchte trotz aller höchst berechtigten Kritik am Recherche- und Publikationsverhalten der traditionellen (Online-)Medien schon noch unterscheiden zwischen professionellem, erlernten Journalismus. Wir erleben aber eine Anpassung, die zu einer völligen Verwischung der Kriterien führt:

Erstens: Professionelle Medien nutzen Blogs als Publikationsmittel (Was sich vor allem im Long Tail anbietet, z.B. t3n News)

Zweitens: Professionelle Medien nutzen Blogs als individuelle „Spielwiese“ ihrer Autoren. Das ist nichts Neues; die meisten Versuche führten in der Vergangenheit mit Recht zu Hohn und Spott. Wir erleben hier aber meines Erachtens einen Paradigmenwechsel – als Beispiel seinen die teils hervorragenden Blogs der Süddeutschen Zeitung und der FAZ genannt.

Drittens: Blogger professionalisieren sich. Damit meine ich gar nicht das leidige Kommerzthema (das hier aber die ganze Zeit im Hintergrund mitschwingt)

1) Von „Oben“ nach „Unten“ (was nicht wertend gemeint ist): Zusammenschluss von Autorennetzwerken, deren Schreiber durchaus aus dem traditionellen Handwerk kommen (z.B. Carta). (Ein Kriterium für die Aufnahme in die Google News – Medienbasis ist, dass mehrere Autoren im Angebot publizieren.)

2) Von „Unten“ nach „Oben“: Hier kommt ein Punkt, der meines Erachtens völlig vernachlässigt wird: Der rapide, angestiegene Einsatz von „Magazine Themes„. Das sind Layoutvorlagen für das Weblog-CMS, die mit der traditionellen Weblog-Optik brechen und die publizierten Beiträgen nicht mehr in einer rückwärtschronologischen Ansicht anzeigen, sondern eben in einer „magazinigen“ Ansicht, die sehr viel mehr Flexibilität erlaubt, dadurch aber versteckt, dass es sich um ein Blog handelt.*

Am Ende muss deshalb die Frage stehenbleiben: Was ist ein Blog?

*Eine Fußnote zu diesem Punkt: Um die Relevanz von Blogs zu messen, werden in wissenschaftlichen Umfragen immer Zahlen genannt, wie viele Internet-Nutzer Blogs lesen. Die Zahl liegt dann immer bei etwa 1,3% (frei erfunden) und wurde ermittelt durch die Frage „Lesen Sie Weblogs?“

Diese Frage halte ich für grundverkehrt. Wieviele Leser landen über einen Link oder eine Suche in einem Weblog, ohne zu wissen, dass es sich bei der aufgerufenen Seite um ein Weblog handelt?

1 Kommentar

  1. Dies ist ein sehr lehrreicher Beitrag der einem die Tiefe eines Blog’s näher bringt. Kann man nur empfehlen. 🙂

    http://dein-unfallgutachter-wuppertal.de/

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